Den inneren George Lucas bekämpfen

George Lucas, der Kopf hinter Star Wars, ist dafür bekannt, die alten Star Wars Filme im Nachhinein dutzende Male überarbeitet zu haben. Er hat die Effekte an die modernen Standards angepasst, CGI Elemente eingefügt und sogar ein wenig vom Humor der später erschienenen Prequels eingefügt.

Dafür hat er teilweise viel Geld und viele Arbeitsstunden für wenige Frames in Kauf genommen: Es gibt eine Szene im Original, in der die Figur Han Solo über den Schwanz von Jabba the Hut stolpert. Im Original war das kein Problem, da das Alien von einer Puppe dargestellt wurde. Später hat George Lucas diese jedoch durch ein CGI Modell ersetzt, wodurch es extrem schwierig wurde, das kurze Stolpern gut aussehen zu lassen. In diese paar Frames wurden Unmengen an Zeit gesteckt.

Für dieses massive eingreifen in ein Werk, das schon längst erschienen war, wurde George Lucas oft kritisiert: Nicht umsonst mochten die Fans die Filme, wie sie waren. Doch jetzt bastelt der Kopf hinter alldem immer weiter daran herum, verändert den Look und teilweise sogar den Tonfall. Noch schlimmer: George Lucas hat sein möglichstes getan, damit die alten Fassungen, die im Kino liefen, für niemanden mehr zugänglich sind.

Und naja, was soll ich sagen: Ich verstehe ihn. Und ich denke, die meisten Künstler:Innen verstehen zumindest diesen Drang, etwas bereits veröffentlichtes zu verändern. Vermutlich hat jeder von uns einen inneren George Lucas, der diesen Drang weiter befeuert.

Ich selbst blicke immer wieder auf meine alten Werke zurück und wünschte, ich hätte damals schon gewusst, was ich jetzt weiß, ich wünschte, ich könnte nochmal zurückgehen und es besser machen. Das ist nur natürlich: Man hat sich eben verbessert und sieht Fehler, die man früher nicht bemerkt hat. Aber mein innerer George Lucas nimmt das nicht einfach hin und sieht es auch nicht als Anreiz, es in Zukunft noch besser zu machen, nein, er befiehlt mir, das Gegenteil zu tun.

Würde ich mich nicht zusammenreißen, würde ich diesem Befehl folgen und wieder und wieder meine alten Werke lesen und sie mit meinen verbesserten Fähigkeiten überarbeiten. Und … das habe ich auch schon.

Wer mich von YouTube kennt, kennt wahrscheinlich auch meine Hörspielreihe »Das Bestiarium«. Von diesem gab es insgesamt drei Versionen. Die erste ist nicht wirklich erwähnenswert, aber die zweite war eine Geschichte über den Monsterjäger Jeffrey Helchastor. Jede Folge wurde ein Monster aus allen möglichen Mythologien der Welt vorgestellt, und darin eingewoben war eine übergreifende Handlung.

Nach Folge 30 dieses Hörspiels habe ich jedoch auf die älteren Folgen zurückgeblickt und festgestellt: Ich könnte das mittlerweile besser. Also habe ich mich dafür entschieden, es einfach besser zu machen. Ich habe die ganze Reihe rebootet und eine neue, bessere Fassung des Bestiariums geschrieben.

Ein anderes Beispiel, in dem mein innerer George Lucas mich dazu gebracht hat, alte Texte zu verändern, war mein Buch »Endpunkt«. Das Konzept war, meine acht besten alten Geschichten in einem Buch zusammenzufassen. Da die Texte teils sehr alt waren, konnte ich es nicht vor mir rechtfertigen, sie einfach zu lassen, wie sie waren, ich habe sie stark überarbeitet. Diese Änderungen beliefen sich vor allem auf Formulierungen und darauf, die Enden der Geschichten besser und logischer zu machen. Aber im Grunde blieben es diesselben Geschichten.

Und als letztes ein etwas radikaleres Beispiel, in dem ich auf alte Werke zurückgeblickt habe: Ich habe zahlreiche alte Hörbücher von mir, die auf YouTube waren, komplett gelöscht, weil ich nicht wollte, dass sie noch irgendwer hören konnte. Ich selbst fand viele von ihnen mittlerweile so schlecht, dass ich es selbst Leuten, die sie mochten, nicht gönnen wollte, sie nochmal zu hören.

In all diesen Beispielen hatte ich gute Gründe, ein bereits veröffentlichtes Werk zu verändern. Ich will auch gar nicht sagen, dass es immer absolut verwerflich wäre, das zu machen. Man sollte bloß darauf achten, dass man nicht zu weit geht.

Zuletzt hat mich dieser Drang erwischt, als ich an der kürzlich erschienenen neuen Version meines ersten Romans »Blaue Tulpen« gearbeitet habe. Und da wäre ich beinahe zu weit gegangen.

Die Idee zu einer neuen Fassung des Romans existierte schon seit Mitte letzten Jahres. Nur die Art und Weise, wie ich diese neue Fassung angehen wollte, hat sich im Laufe der Zeit stark verändert. Die Idee, wegen der ich das Projekt überhaupt neu angehen wollte, war die, es komplett zu verändern. Ich wollte das Worldbuilding stärker machen, es sogar an meinen zweiten Roman »Die Kirche des heiligen Prozesses« anpassen, ich wollte die Formulierungen verbessern, ich wollte den gesamten Handlungsablauf verändern, spannender und länger machen. Im Grunde wollte ich ein komplett neues Buch mit den Ideen des ursprünglichen schreiben. In diesem Fall war mein innerer George Lucas stark.

Jetzt belaufen sich die Änderungen in der neuen Fassung allerdings hauptsächlich auf die Lesbarkeit des Buches. Ich habe die Schriftgröße größer gemacht, ich habe das Buch komplett neu gesetzt, ich habe ein paar Fehlerchen, die noch enthalten waren, korrigiert, ich habe einige Formulierungen ein wenig verbessert, und am wichtigsten: Ich habe dem Buch ein neues Cover verpasst. Jetzt ist die neue Fassung einfach eine besser und angenehmer zu lesende Version des Originals.

Aber warum habe ich mich umentschieden?

Naja – zum einen habe ich viel über meine toxische Beziehung zu alten Texten von mir reflektiert. Eine zeitlang habe ich sehr betont, dass ich alte Geschichten von mir nicht mehr mag, dass ich mittlerweile viel besser bin. Und das ist auch wahr, ich bin besser geworden, es wäre traurig, wenn nicht. Aber ist es wirklich nötig, seinem alten Ich und somit den alten Werken eine derartige Missgunst entgegenzubringen? Ist es wirklich nötig, so zu tun, als wäre das kein Teil der eigenen Entwicklung gewesen und alle Spuren zu verwischen, die darauf verweisen?

Jedes Hörbuch auf YouTube, das ich runtergenommen habe, war Teil meiner Entwicklung, genau wie mein erster Roman. Ich kann ruhig der Meinung sein, dass vieles davon nicht mehr gut ist, das gehört, wie gesagt, dazu, aber ich sollte mir auch vor Augen halten: Ich als Autor bin nur eine einzige Stimme. Wenn hundert andere Stimmen das Buch, wie es war, toll fanden, dann hat meine Meinung nicht mehr Gewicht, als diese hundert Stimmen. Sobald etwas veröffentlicht ist, gehört es nicht mehr nur mir. Auch anderen Leuten kann es wichtig werden. Mit anderen Worten: Würde ich dann das Buch verändern, würde ich nicht nur rückwirkend in meine Entwicklung eingreifen und so tun, als hätte es sie nie gegeben, nein, ich übergehe vielleicht auch Leser:Innen, denen es wichtig war.

Außerdem: Wenn man erst einmal anfängt, diesem Drang zu folgen, hat das kein Ende mehr. George Lucas ist hier wieder ein gutes Beispiel: Es gibt wirklich dutzende verschiedene Fassungen der alten Star Wars Filme, weil er immer und immer wieder etwas daran angepasst hat. Würde ich mich dafür entscheiden, dass es okay ist, alte Werke derart krass zu überarbeiten, wäre ich wahrscheinlich für den Rest meines Lebens damit beschäftigt. Denn, machen wir uns nichts vor: Man wird niemals an den Punkt kommen, an dem man sagen kann »Diese Geschichte ist so gut, die werde ich auch in zehn Jahren noch perfekt finden!«. So läuft das einfach nicht.

Wenn mein nächster Roman erscheint, wird er der beste sein, den ich bis dahin geschrieben habe (versprochen). Und trotzdem bin ich mir sicher, dass es mir in zehn Jahren ähnlich gehen wird, wie es mir jetzt geht, wenn ich »Blaue Tulpen« betrachte. Ich werde ihn sicherlich noch mögen und vieles daran toll finden, aber genauso sehr würde ich Fehler sehen, die ich am liebsten anpassen würde. Und so würde es mir mit jedem weiteren Buch gehen. Sollte ich mich dann also immer und immer wieder ransetzen und nur noch alte Werke überarbeiten? Ich würde gar nicht mehr dazu kommen, etwas neues zu schreiben.

Deswegen will ich in Zukunft Veröffentlichungen als das sehen, was sie sind: Ein Schlussstrich. Das Buch ist draußen. Ich habe mein möglichstes getan, damit es das beste Buch ist, was es sein kann. Aber jetzt geht es zu neuen Projekten. Das ist gesünder und bringt einen mehr voran.

Diese Gedanken haben mich dazu bewegt, »Blaue Tulpen« die Geschichte sein zu lassen, als die ich es veröffentlicht habe. Und offensichtlich haben sie mich auch dazu bewegt, anders über meinen Umgang mit alten Werken von mir nachzudenken. Selbst, wenn ich eine Geschichte nicht mehr wirklich gut finde, ist das noch kein wirklicher Grund, sie zu löschen und für Leser:Innen oder Hörer:Innen unzugänglich zu machen, denn sie mochten sie vielleicht, obwohl es mir selbst eventuell anders geht.

Zu all dem sei aber hinzugefügt: Ich glaube sehr wohl, dass es gute Gründe geben kann, ein Werk zu löschen oder rückwirkend zu verändern. Aus meinem Buch »Endpunkt« habe ich beispielsweise eine Geschichte entfernt, weil diese extrem explizite Szenen enthielt, die ich so nicht weiter unterstützen wollte. Und aus demselben Grund wird auch mein Hörbuch »Konstrukt« demnächst von Spotify und Audible entfernt.

Aber ich denke, die eigene Unzufriedenheit über die Qualität eines Werkes sollte nur einen kleinen Teil zu der Entscheidung beitragen, ob man es entfernt oder verändert. Denn zum einen war dieses Werk eben das beste, was man zu einem bestimmten Zeitpunkt in der Entwicklung hinbekommen hat, und zum anderen nehme ich es Leuten weg, die es mochten, wie es war.

Im Endeffekt glaube ich, dass es ist nicht gut ist, immer wieder auf alte Projekte zurückzublicken und davon zu träumen, man hätte etwas daran anders gemacht, oder gar den Versuch zu unternehmen, sie von grundauf zu ändern. Das bringt nichts. Viel besser ist es, nach vorne zu blicken und neue, bessere Werke zu kreieren, und den inneren George Lucas ein wenig ruhen zu lassen.

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