Wie ich meinen Umgang mit Triggerwarnungen und Tabubrüchen gefunden habe

R. F. Kuang, Im Zeichen der Mohnblume - Die Schamanin, Cover

Vor ein paar Monaten habe ich das Buch »Im Zeichen der Mohnblume – Die Schamanin« gelesen. Nach dutzenden Empfehlungen war ich extrem gespannt darauf, und was soll ich sagen? Ich wurde nicht enttäuscht.

Der Roman spielt in einer an China im 19. Jahrhundert angelehnten Welt. Dabei wird immer wieder hervorgehoben, dass sogar die Historie stark von den realen Ereignissen der Opiumkriege und des Massakers von Nanking inspiriert war – so weit, dass Namen und konkrete Figuren übernommen wurden.

Die Autorin R. F. Kuang hat das Thema des Krieges dabei ganz und gar nicht beschönigt. Neben den Auswirkungen eines Krieges auf die Bürger (über die Kampfhandlungen hinaus), wurden schreckliche Kriegsverbrechen explizit geschildert. Und das auf eine Weise, die sogar mich, obwohl ich normalerweise kein Problem damit habe, mitgenommen hat.

Aber dafür schätze ich Bücher wie dieses. Es behandelt ein Thema, über das ich vorher nicht viel wusste, und das, ohne irgendetwas zu beschönigen. Es bringt mir etwas näher, das ich selbst nicht erlebt habe.

Doch natürlich sind solche Themen, besonders, wenn sie so explizit geschildert werden, nicht für jeden etwas. Deshalb enthält das englische Original diesen Hinweis:

Achtung ! Dieses Buch beinhaltet den Missbrauch von Drogen, Gewalt gegen den eigenen Körper, Gewalt gegen Männer, Frauen, Kindern und Säuglingen. Mord an diesen und Vergewaltigung, sowie Missbrauch von Frauen, Schwangeren, Kindern und Säuglingen. Dieses Buch ist Teilweile an wahre Begebenheiten angelehnt und könnte verstörend wirken.

R. F. Kuang, Im Zeichen der Mohnblume – Die Schamanin (Englische Version, Übersetzung)

Als ich auf Lovelybooks nach Rezensionen zu dem Buch geschaut habe, habe ich eine Bewertung gefunden, die sich darüber beschwert, dass dieser Warnhinweis in der deutschen Fassung fehlt.

Die Leserin schildert in der restlichen Rezension, wie sehr sie diese Triggerwarnung gebraucht hätte, da sie, ohne es zu wissen, an diese Themen geraten ist und diese sie nun nicht mehr loslassen. Das Buch hat ihr nicht ein einziges gutes Gefühl gegeben und sie nur mit Verstörung hinterlassen.

Und als ich diese Rezension gelesen habe, habe ich nochmal angefangen, über meine eigenen Inhalte nachzudenken.

Wenn man sich meine alten Kurzgeschichten ansieht (die ich allesamt eingesprochen und auf YouTube veröffentlicht habe), wird man oft auf Schilderungen von Drogenmissbrauch, körperlicher und psychicher Gewalt und ähnlichem stoßen. Zum einen lag das an meinen damaligen Einflüssen: Breaking Bad, Game of Thrones und so weiter. Und zum anderen lag es einfach daran, dass ich, nun ja, fünfzehn Jahre alt war.

Allerdings gab es da auch noch diese anderen Geschichten. Geschichten, in denen Themen wie sexuelle Gewalt auf eine wenig taktvolle Art und Weise behandelt wurden, sondern eher wie eine Art Schlag ins Gesicht. Tabubrüche um der Tabubrüche Willen. Ohne jeglichen Warhnhinweis natürlich.

Früher war mir sowas auch egal. Content-Notes oder Triggerwarnungen waren nichts, was ich in meine Geschichten inkludieren wollte. Oder genauer: Ich habe nicht wirklich verstanden, warum.

2017 habe ich eine Geschichte mit dem Titel »Amok« geschrieben. Der Titel lässt schon vermuten, dass es eine dieser anderen Geschichten war. Der ganze Text ist gespickt von problematischen Aussagen und gipfelt in einer explizit geschilderten Vergewaltigung einer Schülerin. Das war das Konzept der Geschichte: Provokation. Tabus brechen.

Als ich sie dann eingesprochen und auf YouTube hochgeladen habe, war das Feedback natürlich geteilt. Ein Großteil der Hörer:Innen hatte Spaß mit der völlig absurden Härte des Textes, aber natürlich gab es auch einige, denen es einfach zu viel war.

Doch diese Leute habe ich ignoriert. Zu dieser Zeit habe ich ausschließlich Horrorgeschichten geschrieben, also wenn dir die Geschichte zu viel war, solltest du einfach keinen Horror hören. Das war ja immerhin mein Ziel mit dieser Geschichte gewesen: Tabus brechen. Hat also geklappt.

Aber so einfach ist das natürlich nicht. Ein paar Jahre später, 2019, wurde ich auf eine Aussage aufmerksam gemacht, die ich im Rahmen eines Podcasts zu dieser Geschichte getätigt habe. Ich habe wohl gesagt: »Manchen war die Geschichte einfach zu viel, und das finde ich schon cool.«

Weil dieser Podcast schon einige Jahre zurücklag, habe ich mich nicht an diese Aussage erinnert und mich gefragt, ob ich es damals wirklich gut fand, dass Leuten die Geschichte zu viel gewesen war. Und bin zu dem Schluss gekommen: Ja, wahrscheinlich schon. Weil ich damals nicht verstanden habe, was das wirklich bedeutet.

Beim Verfassen von »Amok« dachte ich wohl, dass diese Tabubrüche mich zu einer Art Enfant terrible machen würden. Die Leute, die sich an derartigen Inhalten stören, sind einfach etwas spießig und ich stoße ihnen eben vor den Kopf. Künsterlische Freiheit und so. Selber schuld. Was ich nicht verstanden habe: Man kann Leuten wortwörtlich Schmerzen zufügen, wenn man sie, ohne Vorwarnung, solchen Inhalten aussetzt.

Aber nachdem ich auf meine Aussage im Podcast aufmerksam gemacht worden war, habe ich angefangen nachzudenken. Zwar habe ich zu diesem Zeitpunkt natürlich nicht ausschließlich Texte mit derartigen Inhalten geschrieben, aber dennoch gab es sie. Und plötzlich fand ich das irgendwie nicht mehr okay. Ich fand es nicht mehr gut, Leute einfach ohne einen Warnhinweis solchen Themen auszusetzen.

Also habe ich eine Weile lang nachgedacht, wie ich das in Zukunft handhaben sollte. Vielleicht Triggerwarnungen am Anfang von Büchern und Videos? Aber was ist mit Spoilern? Spoilert man nicht die unbetroffenen Leser:Innen, wenn man am Anfang von Büchern oder Videos die genauen Triggerpunkte nennt? Oder sollte ich mich jetzt einschränken und eventuell problematische Themen nie wieder in meinen Texten behandeln?

Die Lösung war schlussendlich, einen generellen Warnhinweis am Anfang meiner Bücher (und in die Videobeschreibungen) einzufügen:

Passagen in diesem Buch behandeln verstörende Inhalte.

Und damit war das Thema auch erst einmal für mich gegessen. Bis ich vor einigen Wochen die Rezension zu »Im Zeichen der Mohnblume – Die Schamanin« gefunden habe. Denn da wurde mir noch einmal bewusst, was es eigentlich bedeutet, wenn Leser:Innen über ein Thema stolpern, das ein Triggerpunkt für sie sein könnte. Es bedeutet nicht bloß, dass jemand meine Geschichte ein wenig schlechter findet. Nein, es bedeutet, dass ich jemanden ins offene Messer laufen lasse, dass ich negative Emotionen erzeuge, die niemanden weiterbringen.

Das hat mich zu zwei verschiedenen Punkten geführt.

1. Meine Inhalte

Schon seit ich auf meine problematische Aussage im Podcast aufmerksam gemacht wurde, habe ich über die Inhalte mancher meiner Texte nachgedacht, über die Härte und die Tabubrüche.

Möchte ich, dass es Leser:Innen durch meine Bücher schlechter geht? Nein. Ich möchte, dass Leser:Innen gerne zu meinen Büchern greifen. Dass sie nicht die ganze Zeit das Gefühl haben, aufpassen zu müssen, weil gleich etwas (für sie) schlimmes geschehen könnte. Nur, weil viele Themen für mich kein Problem darstellen, heißt das nicht, dass es jedem so geht.

Also … ist es wirklich nötig, sowas in meine Texte aufzunehmen?

Naja, eine gewisse düstere Stimmung hat mich schon immer gereizt, und das ist auch in Ordnung, das möchte ich nicht aufgeben. Aber mittlerweile finde ich es eher billig als kreativ, auf eine Vergewaltigung oder sowas zurückzugreifen, um diese Atmosphäre zu erzeugen. Und irgendwelche Rechtfertigungen über künstlerische Freiheit und Tabubrüche machen einen nicht zu einem Enfant terrible, sondern einfach nur edgy.

Wenn man meinen letzten Roman »Die Kirche des heiligen Prozesses« , mit meinem ersten, »Blaue Tulpen« , vergleicht, sieht man schon, dass sich in meinem Schreiben einiges geändert hat. Die Atmosphäre ist mindestens genauso düster, aber anders, als bei »Blaue Tulpen« kommt »Die Kirche des heiligen Prozesses« gänzlich ohne irgendwelche erzwungenen Tabubrüche aus.

Meine Gedanken in letzter Zeit bezüglich dieses Themas haben mich zum Beschluss geführt, das auch in Zukunft so handzuhaben. Ich will gewissenhafter an all das rangehen und lieber zweimal überlegen, ob ich bestimmte Inhalte wirklich in meine Texte inkludieren möchte.

2. Triggerwarnungen / Content-Notes

Obwohl ich meine Texte entschärfen möchte, glaube ich, dass trotzdem immer mal wieder Elemente in meinen Büchern auftauchen werden, die für den ein oder anderen problematisch sein könnten.

Das Problem: Der kurze Warnhinweis, dass das Buch verstörende Passagen beinhaltet, bringt nicht viel. Wenn eine Person ihn liest, weiß sie, dass es verstörende Inhalte gibt. Aber welche? Vielleicht betreffen sie sie gar nicht. Vielleicht aber doch. Im Grunde hilft dieser kurze Satz niemandem weiter. Was also tun?

Einerseits möchte ich natürlich Leute vor den Themen warnen, die sie in meinen Büchern erwarten, aber da ich auch niemanden spoilern möchte, will ich das nicht direkt auf den ersten Seiten machen. Aber wenn kein Warnhinweis am Anfang steht, laufe ich Gefahr, dass er einfach übersehen wird.

Deshalb werde ich am Anfang meiner Bücher nun immer einen generell gehaltenen Warnhinweis inkludieren, mitsamt eines Links zur Seite devon-wolters.de/Content-Notes auf der zu jedem meiner Bücher die konkreten eventuell problematischen Punkte aufgelistet werden. So kann jeder, der sich unsicher ist, nachschauen, und die, denen es egal ist, können den Warnhinweis einfach ignorieren. Das ist die Lösung, die ich für mich gefunden habe.

Und was ist das Fazit aus alldem?

Ich denke, wenn man seine Geschichten in die Welt hinausträgt, hat man eine gewisse Verantwortung. Damit meine ich aber nicht, dass man deshalb seine Texte ändern muss und über bestimmte Dinge nicht schreiben darf. Aber man sollte vorsichtig sein und sich zumindest etwas Gedanken machen. Üblicherweise greifen Leser:Innen zu Büchern, weil sie eine gute Zeit haben wollen. Und wenn man mit einem einfachen Warnhinweis sicherstellen kann, dass auch jeder wirklich eine gute Zeit haben wird – warum nicht?

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