Eine Fantasy-Welt, aus der nie etwas wurde

Wahrscheinlich kennt jeder diese Projekte: Eine zeitlang ist man Feuer und Flamme, man plant und schreibt und arbeitet an der Vision die man hat. Aber irgendwie, aus tausend möglichen Gründen, erblickt das Projekt trotzdem niemals das Licht der Welt.

Genau um so ein Projekt soll es heute gehen: Eine Fantasy-Welt, die Ende 2017 bis Anfang 2018 den Großteil meiner Zeit in Anspruch genommen hat.

Darf ich vorstellen: Die Tag-/Nachtwelt (Ja, mir ist kein besserer Name eingefallen.)

Eine etwas chaotische Karte mit Kontinenten, Gebirgen, Plattentektonik und mehr.
Eine etwas chaotische Karte mit Kontinenten, Gebirgen, Plattentektonik und mehr.

Aber … dass diese Welt nie das Licht der Welt erblickt hat, wäre gelogen. Denn insgesamt gibt es drei Geschichten, die in diesem Setting spielen: Sie nannten ihn Sommer, Sie nannten ihn Winter, Sie nannten ihn Ende. Diese drei Geschichten gibt es nur in Videoform auf meinem YouTube Kanal und sie entstanden BEVOR ich auch nur angefangen hatte, diese Fantasy-Welt zu planen. Aber sie dienten mir als eine gute Grundlage.

Die Geschichten spielen allesamt in einem einsamen Wasteland, in dem es immer Nacht ist. Beim Schreiben war das bloß eine grobe Idee für die Ästhetik, aber als ich dann anfing, eine ganze Welt zu planen dachte ich … warum nicht?

Das wurde das Gimmick meiner Welt: Auf der einen Hälfte des Planeten ist es immer Tag, auf der anderen immer Nacht.

An dieser Stelle möchte ich mich bei meinem Vergangenheits-Ich bedanken, das immer sorgfältig seine Texte gesichert hat. Ich habe mehrere E-Mails in meinem Postfach, in denen alle Planungen, die ich zu allen möglichen Projekten hatte, angehangen sind. So auch für diese Fantasy-Welt.

An viele der Planungen würde ich mich gar nicht mehr erinnern, wenn es diese Mail nicht gäbe. Und die anderen Mails, in denen noch mehr Dokumente mit Ideen zur Welt enthalten sind.

Als pflichtbewusster Worldbuilder, der ich gerne sein wollte, wollte ich mir natürlich über ALLES Gedanken machen. Deshalb gibt es ein Dokument für generelles Brainstorming, eins zu Flora und Fauna, eins zur Geographie, eins zur Gesellschaft, eins zur Magie und dann noch eins mit Zahlen und Berechnungen.

Das Problem damit ist offensichtlich: Ich hatte keine Ahnung, was ich genau machen wollte. Zwar hatte ich ein paar grobe Ideen für Geschichten, die in dieser Welt spielen sollten, aber nichts genaues. Ich hatte nichts, woran sich meine Planungen orientieren konnten, also bin ich einfach vom einen Punkt zum nächsten gestolpert, in der Hoffnung, irgendwann alle Lücken der Welt ausfüllen zu könnten.

Und so ist auch der Großteil der Inhalte der Dokumente: Ein Auflistung von losen Ideen, die mal mehr, mal weniger ineinandergreifen. Im Grunde einfach ein: Was will ich in meiner Welt? Und ich wollte alles.

Auf der Nachtseite der Welt sollte Licht ein großes Thema sein. Es sollte Glühwürmchenfarmen geben, Pflanzen, die gelernt haben, Licht abzusondern, Raubtiere, die mit leuchtenden Organen Beute anlocken. Es sollte Versuche der Menschen geben, diese lebensfeindliche Nachtwelt zu besiedeln, kleine, einsame Dörfer und Spuren von antiken Zivilisationen unter dem ewigen Schnee.

Auf der Tagseite der Welt hingegen hatte ich noch viel mehr geplant, denn dort sollte es die meiste Zivilisation geben. Genauer gesagt: Ich hatte eine Art Hauptkontinent entworfen.

Tatsächlich sind die Formen der Kontinente mit Bleistift gezeichnet, der Rest aber am Computer.

Irgendwo zwischen der dauernden Hitze und der dauernden Kälte des Planeten gelegen sollten sich die meisten meiner Geschichten auf diesem namenlosen Kontinent abspielen.

Beherrscht wurde der Kontinent nicht von einem Königreich oder einem Imperium. Nein – vielmehr sollte es überhaupt keine klassischen Länder geben, wie wir sie kennen, sondern einfach Städte, um die herum sich das meiste Leben abspielen sollte. Denn das war das zweite Gimmick dieser Welt: Es sollte wenige Menschen geben.

Das war einfach ein gewisser Faible von mir zu dieser Zeit. Ich wollte eine Welt voller einsamer Orte, eine Art Endzeit-Feeling, ohne die Endzeit. Als Begründung dafür hatte ich mir überlegt, dass Geburten von Menschen einfach wesentlich seltener sind, als in unserer Welt.

Daraus entspangen einige weitere Ideen: Fruchtbarkeit wird als etwas heiliges angesehen. Ich stellte mir eine Gesellschaft vor, in denen Mütter an der Spitze stehen und verehrt werden. Kinder sollten nicht unbedingt von ihren leiblichen Eltern großgezogen werden, sondern entweder von ausgebildeten Erziehern oder sie sollten zu kinderlosen Leuten geschickt werden, um dort aufzuwachsen. Der Kalender sollte sich an der Dauer einer Schwangerschaft orientieren.

Somit sollte das Familienbild in dieser Welt auch ein ganz anderes sein. Blutsverwandschaft spielt dort keine große Rolle, dafür allerdings generelle Loyalität. Die Beziehung zur eigenen Mutter ist keine liebevolle, sondern eher eine verehrende. Sexualitäten und Partnerschaften sind in der Gesellschaft komplett von Fortpflanzung getrennt, und sobald eine Frau zum ersten Mal schwanger wird, sollte sie zu den Müttern geschickt werden, um bei ihnen zu leben und ein Mitglied dieser Institution zu werden.

Als übergreifendes Staatssystem für den Kontinent hatte ich mir den Anarchokapitalismus ausgesucht. Der Status einer Person in diesem System ist einfach: Wer mehr hat, steht höher und hat mehr Möglichkeiten. Wirkliche Gesetze gibt es nicht, viel mehr gewisse, ungeschriebene Normen. Alles, was bei uns der Staat übernehmen würde, wird hier von Firmen übernommen. Wer bestohlen wird und Gerechtigkeit möchte, schaltet eine Firma an Ordnungshütern ein, die bezahlt werden will. Die einzige Institution, bei der sich alle einig sind, dass man auf sie hören sollte, sollten die Mütter sein.

Das sind die konkretesten Punkte, die diese Welt ausgemacht haben. Naja – zumindest die, die ich hier nennen möchte. Denn ein paar Dinge aus dieser Welt haben es auch in mein aktuelles Projekt geschafft, weshalb ich sie hier nicht vorwegnehmen möchte.

Der Rest meiner Dokumente ist gefüllt mit allen möglichen Ideen, die ich irgendwie in dieser Welt unterbringen wollte. Vor allem im Nachhinein ist es lustig, das alles zu durchforsten, weil manchmal ohne Kontext irgendwelche absurd klingenden Dinge völlig selbstverständlich aufgelistet werden. Ein paar Beispiele:

  • »Einzige andere Spezies: Robotermenschen von der Müllhalde.«
    Das könnte auch der Name einer Band sein.
  • »Kreatur, die sich wie ein Mantel um Menschen legt und sich festbeißt – auf der Müllhalde geboren«
    Ich habe keine Ahnung, was genau es damit auf sich hat.
  • »Müllhalde, Müll aus anderen Welten«
    Diese Müllhalde scheint mir besonders wichtig gewesen zu sein.
  • »Die südöstliche Stadt im Polargebiet, die östlichste aller Städte, ist eine Abschaum-Stadt. Dort ist die Müllhalde, dort ist es immer Nacht. Aber da ist nicht nur Abschaum, da sind auch Forscher, Leute, die Dinge entdecken wollen, Leute, die hoffen aufzusteigen, etc.«
    Ich weiß nicht genau, was ich mir unter generellem »Abschaum« vorgestellt habe.
  • »Auf Reallife basierende Fantasywelt«
    Was ich damit gemeint habe, ist mir ein Rätsel. Dieser Punkt steht ganz am Ende eines Dokuments, wie eine Art Fazit aus den restlichen Ideen. Aber die restlichen Ideen sind allesamt absolute High-Fantasy Konzepte. Also … wtf?

Aber naja, ich denke, es ist nicht unüblich, dass ein Projekt in der Planungsphase etwas chaotisch aussieht. Und an den bisherigen Ideen und Ansätze ist auch erstmal nichts verkehrt, außer, dass einfach insgesamt sehr viel fehlt. Aber in all das ist auch nicht die meiste Zeit des Wordlbuildings reingeflossen. Die meiste Zeit floss nämlich in das Zahlen-Dokument.

Als pflichtbewusster Worldbuilder, der ich gerne sein wollte, wollte ich das Hauptgimmick meiner Welt nicht einfach so stehenlassen. »Auf der einen Hälfte der Welt ist es immer Tag, auf der anderen immer Nacht, weil … Magie!« Mit solchen Erklärungen wollte ich gar nicht erst anfangen, weshalb ich das Zahlen-Dokument angelegt habe.

Wie der Name schon vermuten lässt, ist es eine Ansammlungen von Berechnungen über den Planeten, Umlaufbahn, das Sonnensystem, und so weiter.

(Für solche Dinge kann ich übrigens den YouTuber Artifexian nur empfehlen. Er macht genaue Anleitung zum entwickeln eines eigenen Planeten, Conlangs und so weiter.)

Daran ist auch erst einmal nichts verkehrtes. Ich glaube nicht, dass man fürs Worldbuilding diese Daten haben MUSS, aber cool sein kann es auf jeden Fall. Das Problem ist, wenn die Berechnungen überhand nehmen. Und als ich angefangen habe, einen Kalender zu entwerfen, haben sie überhand genommen.

Am Versuch, einen perfekten, lunisolaren Kalender für meine Welt zu erschaffen, habe ich mir die Zähne ausgebissen. Mathe ist eh nicht meine Stärke und hinzu kam die Schwierigkeit, dass es eben eine Welt mit (kaum) sichtbarer Sonnenbewegung war.

Aus irgendeinem Grund habe ich mich vollkommen daran festgebissen. Ein paar Tage lang hatte ich nur diesen verdammten Kalender und die Berechnungen im Kopf. Das war um Silvester 2017/2018 herum und ich weiß noch genau, wie ich mich in der Nacht von Silvester auf Neujahr hingesetzt und nochmal angefangen habe, alles durchzurechnen, weil es mir irgendwie einfach keine Ruhe gelassen hat.

Und so war es im Grunde mit den meisten meiner Planungen für diese Welt. Ich habe mich nicht auf Dinge fokussiert, die für eine konkrete Story wichtig waren, sondern mich an allen möglichen Details festgebissen.

Die meiste Zeit über habe ich gar nicht die Welt geplant, sondern mich über alle möglichen Dinge informiert, die ich vielleicht niemals gebraucht hätte. So gibt es auch einige Recherche Dokumente, in denen alle möglichen Infos zu Kleidung, Mode und Architektur stehen. Ich hatte einfach das Gefühl, wenn ich all diese Dinge nicht weiß, kann ich mich gar nicht an die Ausfleischung der Welt machen. Mit anderen Worten: Ich hatte keinen Fokus. Ich wollte alles wissen, was ich brauchen könnte, und statt Dinge zu planen, die wirklich Storyrelevant gewesen wären, habe ich mich an Zahlen und Berechnungen aufgehalten.

Aber das war mir wohl auch damals klar, denn in der oben abgebildeten Mail lässt sich auch ein Dokument mit dem Namen »Nicht nur planen!« finden. Darin waren die wenigen Buchideen notiert, die in dieser Welt spielen sollten. Drei davon sind sogar immer noch angedacht, nur mittlerweile in einem anderen Setting.

Und das ist auch quasi das Fazit dieses Artikels. Nicht nur planen. Derzeit mache ich im Grunde dasselbe wie damals: Ich entwerfe eine Fantasy-Welt, in der mehr als nur ein Buch stattfinden soll. Aber anders als damals habe ich ganz genaue Projekte im Kopf, an denen ich mich bei der Planung orientieren kann. Es kann viele Gründe geben, warum man Worldbuilding betreibt, aber ich mache es, weil ich Bücher in diesen Welten spielen lassen will. Und dann bringt es mir nichts, wenn ich mich ewig am Planen festbeiße und nie auch nur ein Wort schreibe.

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