Wenn Stephen King zu dir kommt und dir einen Schreibtipp gibt

Du hast gerade angefangen zu schreiben, und du tust es wirklich gerne. Egal, ob diese Aussage der Wahrheit entspricht oder nicht, für mein Beispiel ist es wichtig, dass wir annehmen, es wäre tatsächlich so. Also: Du hast gerade angefangen zu schreiben. Genauer: Bücher. Vielleicht möchtest du diese Bücher auch veröffentlichen, vielleicht auch nicht. Stell dir vor, du sitzt gerade an deinem Schreibtisch, auf deinem Sofa oder liegst im Bett, wo auch immer du gerne besagte Bücher schreibst. Und plötzlich klopft es an der Tür. Sie wird geöffnet, und – Überraschung – es ist Stephen King.

Auf deine Frage, was er hier macht, antwortet er gar nicht erst. Nein, er kommt zu dir, beugt sich zu dir hinunter und sagt: »Schreib jeden Tag 2000 Wörter. So mache ich es, und es funktioniert. Tu das auch.«

Im ersten Moment bist du vielleicht verwirrt. Und das ist mehr als verständlich. Aber nachdem Stephen King wieder weg ist und du dich erneut ans Schreiben machst, denkst du über seinen Ratschlag nach. Du musst auf ihn hören, oder nicht? Es war ja immerhin Stephen King, er ist ein Meister. Schreiben ist ein Handwerk, und würdest du Schreiner werden wollen, würdest du gut daran tun, auf einen Schreiner zu hören, der über zwanzig Jahre Erfahrung hat. Du solltest dir also vornehmen, jeden Tag 2000 Wörter zu schreiben. Oder?

Tatsächlich schreibt Stephen King jeden Tag 2000 Wörter, und tatsächlich funktioniert das für ihn ganz gut. Ich glaube auch nicht, dass an diesem Tipp irgendetwas verkehrt ist, im Gegenteil. Sich jeden Tag ein festes Schreibziel zu setzen, kann enorm hilfreich sein. Nur eben nicht für jeden. Das Problem an Stephen Kings Besuch und deiner Annahme, du müsstest auf ihn hören, ist also: Schreiben ist ein Handwerk, das für jeden anders funktioniert.

Es gibt hunderte Bücher zum Handwerk des Schreibens. Auf Twitter, Reddit und Instagram finden sich in Autoren-Communitys immer wieder nützliche Tipps und Ratschläge. In unzähligen Videos auf YouTube kann man sich stundenlang in Romanstrukturen, Charakterisierungen und Worldbuilding einarbeiten. Da liegt es für viele, die anfangen wollen zu schreiben, nahe, sich auch damit zu beschäftigen. Zumindest war es bei mir so.

Die Schreibtipps fangen bei Kleinigkeiten an: Beginne deine Bücher nicht mit Beschreibungen des Wetters. Wenn du das Aussehen deines Protagonisten beschreibst, lasse ihn nicht vor einem Spiegel stehen und sich selbst betrachten, das gab es schon zu oft. Benutze so wenige Adverbien und Adjektive wie möglich. Aber natürlich gibt es auch Tipps, die mehr umfassen: Nutze die Drei-Akt-Struktur. Show, don’t tell. Oder eben Tipps, in denen es um den Prozess an sich geht: Schreibe 2.000 Wörter pro Tag.

Nimmt man sich diese Tipps nun zu Herzen und versucht, sie alle zu befolgen, wird man schnell auf Probleme stoßen. Wenn die Drei-Akt-Struktur nicht zu deinem Roman passt, aber du trotzdem versuchst, sie ihm aufzuzwingen, wird ein schlechteres Werk dabei herauskommen. Wenn du das Magiesystem, das in deinem Fantasybuch vorkommt, an Sandersons Laws anpasst, weil du denkst, du müsstest es tun, schadest du vielleicht dem, was dein Magiesystem eigentlich werden sollte. Mit anderen Worten: Sich all diese Tipps zu sehr zu Herzen zu nehmen, ist schädlich.

Um zu meinem Beispiel zurückzukommen: Stephen King wird zwar höchstwahrscheinlich nicht bei dir zu Hause auftauchen, aber Schreibtipps kannst du von ihm dennoch bekommen. Er hat nämlich das großartige Buch »Das Leben und das Schreiben« verfasst, in dem es genau um das geht, was im Titel steht. Die Aussage, man sollte 2.000 Wörter täglich schreiben, die man oft von Autoren im Internet hört, stammt aus diesem Buch. Aber der Unterschied ist: Stephen King gibt in »Das Leben und das Schreiben« keine wirklichen Tipps zum Schreiben. Vielmehr berichtet er davon, wie es für ihn funktioniert, aber betont, dass es bei jedem anders sein kann. Er hat nie behauptet, das wäre der einzige Weg, ein Buch zu schreiben.

Generell habe ich das Gefühl, dass es eher wenige Autor:Innen gibt, die ihre eigenen Methoden als die einzig richtigen hochhalten. Klar, solche gibt es auch. Christopher Paolini hat zum Beispiel behauptet, man müsse ein Buch vor dem Schreiben komplett durchplanen, sonst könne es nicht gut werden, obwohl z.B. Stephen King genau das Gegenteil tut. Aber wie gesagt, ich habe das Gefühl, dass solche Autor:Innen in der Unterzahl sind. In den meisten Fällen teilen sie ihre Erfahrungen, aber erklären, dass das eben nur ihre eigenen Methoden sind. Hier liegt also nicht unbedingt das Problem.

Nein, ich denke, das Problem liegt vielmehr in den Leuten selbst, die anfangen wollen zu schreiben. All diese Tipps und Ratschläge von erfolgreichen Schrifsteller:Innen florieren besonders stark in Internetcommunitys, in denen sich, offensichtlich, auch viele Neulinge tummeln. Oftmals werden diese allgemeingültigen Schreibweisheiten als die einzig richtige Methode zu schreiben hochgehalten. Das kann dann in ganz seltsame Auseinandersetzungen ausarten. Auf Twitter habe ich mal einen absurden Rant darüber gelesen, dass ein Autor in seinem Buch auf einer Seite zweimal das Wort »Lava« verwendet hat, während die Verfasserin des Threads sich immer Mühe gibt, kein Wort auf derselben Seite zweimal zu verwenden – Wortwiederholungen sind ja schlecht. Oder die Leute auf Reddit, die versuchen, Sandersons Laws of Magic auf jedes Buch und jeden Film anzuwenden.

Neue Autor:Innen schauen oftmals zu Menschen auf, von denen sie sich erhoffen, Hilfe zu erhalten. Zum Beispiel zu größeren und erfolgreicheren Schriftsteller:Innen. Die haben ja schon Erfolg gehabt, die wissen, was sie tun. Sie wollen von ihnen lernen, ihr Geheimnis verstehen. Sie wollen an die Hand genommen werden.

So kann es aber auch passieren, dass man sich die Ratschläge von Leuten zu Herzen nimmt, die in Wahrheit keine Ahnung haben: Schreibratgeber von Leuten, die niemals einen Roman geschrieben haben. Literaturprofessoren, die nur Ahnung von der Theorie haben. Oder noch schlimmer: Dieser eine Typ, der durch seinen exzessiven Konsum von Writing Advices und seinem bisschen Erfahrung denkt, er wäre der beste in diesem Handwerk. Jedes dieser Beispiele kann Schaden anrichten, aber leider hat jedes von ihnen auch eine gewisse Glaubwürdigkeit durch ihre selbstbewusste Darstellung.

Und so sind neue Autor:Innen leicht versucht, sich entweder auf erfolgreiche Schrifsteller:Innen zu berufen und Methoden zu folgen, die für das eigene Schreiben vielleicht gar nicht funktionieren, oder aber den Worten falscher Helden zu glauben und ihren praxisfernen Ratschlägen zu gehorchen.

Früher war ich nicht anders drauf. Ich habe oft Videos über das Schreiben gesehen. Ich wollte, dass jemand, der mehr Erfahrung hat, mir sagt, wie ich es machen soll. Und immer, wenn ich das getan habe, fühlte ich mich produktiv. Ich fühlte mich, als würde ich lernen. Aber habe ich das? Nein. Das Schreiben lernt man durchs Schreiben und durchs Lesen.

Die Wahrheit ist: Schreiben funktioniert für jeden anders. Und selbst, wenn es Spaß macht, ist es, vor allem Anfang, auch nicht immer leicht. Deshalb ist es einfach, der Verlockung nachzugeben und auf einen (vielleicht selbsternannten) Experten zu hören, in der Hoffnung, er könnte einem alles mitgeben, was man fürs Schreiben benötigt. Doch in Wahrheit muss jeder von uns sich selbst darum kümmern, zu verstehen, wie der eigene Prozess am besten funktioniert. Wir sollten nicht blind irgendwelchen allgemeingültigen Aussagen übers Schreiben folgen. Vor allem nicht, wenn uns jemand an die Hand nehmen und die eigene Methode aufzwingen möchte, weil diese die einzig richtige ist. Nein, es geht darum zu verstehen, wie man selbst es schafft ein Buch zu schreiben, das man gut findet.

Heißt das jetzt, man soll jeden Advice ignorieren? Nein! Ich denke, es gibt durchaus einige Dinge, die Sinn machen. Eine Geschichte nicht mit einer Wetterbeschreibung zu beginnen, sorgt für einen weniger klischierten Anfang. Romanstrukturen auf das eigene Buch anzuwenden, kann eine Geschichte unheimlich aufwerten – es hat sich ja nicht jemand hingesetzt, und sich eine unsinnige, nicht funktionierende Struktur ausgedacht. Und sich anzuhören, was erfolgreiche Autor:Innen tun und wie sie es tun, kann dir ganz neue Impulse geben.

Man sollte die Tipps und Ratschläge nicht ignorieren und allesamt als Bullshit abtun. Das wäre bestenfalls arrogant. Sie zu kennen, ist nicht verkehrt. Aber man sollte sie hinterfragen und sie nicht als die einzige Wahrheit ansehen. Man sollte feststellen, inwiefern man sie verwenden kann, um das eigene Werk zu verbessern. Brandon Sanderson teilt die Bücher seiner Sturmlicht-Chroniken jeweils in drei Teile auf, weil er der Meinung ist, dass das bei längeren Büchern gut funktioniert. Heißt das, dass ich das auch machen muss? Nein, doch es heißt, dass ich mir darüber Gedanken machen kann. Und solltest du dich dazu entscheiden, deine Geschichte mit einer Wetterbeschreibung zu beginnen, weil du das für den perfekten Anfang hälst: Go for it.

Anstatt sich darauf zu fokussieren, das eigene Wissen über die Theorien des Schreibens zu vergrößern, sollte man sich, egal ob man gerade angefangen hat oder schon seit vielen Jahren schreibt, damit beschäftigen, wirklich zu üben und besser zu werden. Und anstatt zu erfolgreicheren Autoren aufzublicken, und zu glauben, man müsse es genauso tun wie sie, sollte man über ihre Tipps nachdenken und sie so anpassen, dass sie einem nützen.

Sollte Stephen King zu dir kommen, tust du gut daran, ihm zuzuhören. Er hat Erfahrung. Hör dir an, was er zu sagen hat und entscheide dann, ob das auch für dich funktioniert. Und wenn du feststellst, dass jeden Tag 2000 Wörter zu schreiben für dich nicht funktioniert, dann solltest du es lassen. So lernst du deinen Schreibprozess kennen.

Und am wichtigsten: Sollte jemand zu dir kommen und behaupten, er habe die Wahrheit, du müsstest nur auf seine Ratschläge hören, dann ignorier es. Diese Leute schaden dir mehr, als dass sie dir helfen.

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