Der toxische Traum, vom Schreiben zu leben

Ich selbst sage es oft und höre es auch andere Autor:Innen immer wieder sagen: Ich habe den Traum, eines Tages vom Schreiben leben zu können. Natürlich habe ich den. Schon seit ich schreiben kann, schreibe ich Geschichten. Den Großteil meiner Jugend habe ich damit verbracht, Geschichten zu schreiben, sie einzusprechen und auf YouTube hochzuladen. Das hat dazu geführt, dass ich meinen ersten Roman veröffentlichen konnte und seitdem stetig an neuen Büchern arbeite. Natürlich würde ich das, was ich schon so lange so gerne machen, gerne jeden Tag machen können, ohne mir um irgendetwas anderes Sorgen machen zu müssen. Natürlich habe ich diesen Traum.

Wieder und wieder habe ich mir das vor Augen geführt und in den letzten Jahren hatte so gut wie alles, was ich gemacht habe, das Ziel, eines Tages vom Schreiben leben zu können. Das habe ich auch, immer, wenn es ging, sehr betont: DAS ist, wovon ich eines Tages leben möchte, und nichts anderes!

In den letzten Wochen und Monaten habe ich viel darüber nachgedacht. Und ich bin zu dem Schluss gekommen, dass das kein guter Traum ist. Geschweige denn ein gesunder. Ich habe mir die Frage gestellt: Sollte das wirklich das höchste Ziel für mich und meine Kunst sein? Genug Geld verdienen? Aus künstlerischer Sicht ist die Antwort ganz klar: Nein. Was wäre das auch für ein langweiliger und kaltherziger künstlerischer Ansatz? Natürlich sollte das Ziel aus dieser Perspektive sein, die besten Bücher zu schreiben, die man schreiben kann. Eventuell kann noch dazugehören, dass man sich für die eigene Kunst wünscht, dass sie von möglichst vielen Menschen gelesen und gemocht wird. Aber wie viel Geld sie einnimmt, verändert ja die Kunst selbst nicht.

Doch wir leben ja leider in keiner perfekten Welt, weshalb es problematisch wäre, nur die künstlerische Perspektive zu betrachten. Denn es gibt ja noch die wirtschaftliche. Und die wirtschaftliche Perspektive sagt: Wenn du dich nur mit dem Schreiben beschäftigen möchtest, dann musst du eben dafür sorgen, dass deine Bücher genug Geld einnehmen, damit alle Kosten gedeckt sind.

Ich finde, das ist eine wichtige Unterscheidung: Ich bin nicht nur Autor, nein, ich muss auch meine Miete zahlen. Der Traum meines Autoren-Ichs ist es, einfach nur schreiben zu können, und zwar nicht irgendetwas, sondern wirklich gute Geschichten. Der Traum meines Miete-zahlenden-Ichs ist es, die Miete zahlen zu können und am besten genug Geld zu haben, dass ich auch einfach die nächsten zwölf Monatsmieten vorauszahlen könnte. Das sind zwei grundverschiedene Bedürfnisse.

Das Problem ist, dass diese beiden Bedürfnisse zusammenarbeiten sollten, sich aber oft gegenseitig im Weg stehen. Klar könnte ich als Autor sagen, dass ich jetzt alles andere hinschmeiße, auf das Geld scheiße und so lange an jedem einzelnen Buch arbeite, bis es wirklich perfekt ist, egal, wie viele Jahre das dauern könnte. Aber mein Miete-zahlendes-Ich würde schon bald auf der Straße sitzen, und wie es dann noch Bücher schreiben soll, weiß ich auch nicht.

Andersrum könnte mein Miete-zahlendes-Ich auch ohne Probleme sagen, dass ich jetzt auf die Kunst scheiße, mir ein Genre suche, in dem viel Geld zu holen ist, einfach nur jeden Tag meine Wörter runterrattere und so viel wie möglich in so kurzer Zeit wie möglich schreibe. Damit würde ich sicherlich besser fahren, als ich es aktuell tue. Allerdings wäre mein Autoren-Ich mehr als nur unglücklich, weil es nicht das schreiben kann, was es wirklich schreiben will, und weil es nicht die nötige Zeit in seine Bücher stecken kann, um sie auch wirklich gut zu machen.

Mit anderen Worten: Diese beiden Bedürfnisse tragen einen stetigen Kampf untereinander aus. Manchmal möchte ich alles andere ignorieren und einfach schreiben, was schon beinahe in eine toxisch-positive Richtung abdriftet: »Scheiß drauf, ich mache jetzt einfach nur Kunst, mehr brauche ich nicht im Leben, mehr sollte ich nicht brauchen, solange ich Kunst machen kann, ist alles gut.« Und manchmal mache ich mir viel mehr Gedanken darüber, wie cool es wäre, dann und dann ein Buch zu veröffentlichen, wie ich es veröffentliche und bewerbe, anstatt darüber, ob die Idee wirklich cool ist. Das endet dann meistens damit, dass ich ein paar Monate lang den Plan von diesem Buch im Kopf habe, es danach aber auf Eis lege, weil es eigentlich nicht das ist, was ich schreiben möchte. Das Autoren-Ich ist in den meisten Fällen stärker.

Wie bei so vielem ist es wichtig, hier irgendeinen Mittelweg zu finden. Ich muss mich zwischen merkwürdigen, künstlerischen Allüren und dem Bedürfnis, Geld zu verdienen, hindurchmanövrieren und einen Weg finden, wie beides vereinbar ist. Das ist leichter gesagt als getan.

Um sich den Traum, vom Schreiben zu leben, zu erfüllen, liegt es nahe, einfach zum Ziel zu sprinten. Das heißt: Genau das schreiben, was man schreiben will, viel, viel Arbeit hineinstecken, aber sich gleichzeitig auch wenig Zeit lassen, denn es müssen ja möglichst viele Bücher erscheinen, damit man möglichst schnell erfolgreich wird. Das sorgt, offensichtlich, für viel Druck, welcher wiederum der Kunst schadet, und im Endeffekt, wenn man ausbrennt und gar nicht mehr schreibt, auch dem Geld. Ganz zu schweigen von der eigenen Gesundheit, die darunter leidet.

Das passiert bei mir gefühlt alle paar Jahre wieder. Angefangen mit der Zeit unmittelbar vor und nach meinem ersten Roman, als ich zum ersten Mal anfing, Geld mit meinen Geschichten zu verdienen. Das führte dazu, dass ich noch mehr machen wollte, noch viel mehr, aber schlussendlich kaum etwas geschafft habe, weil ich versucht hatte, Ideen und Geschichten zu erzwingen, einfach um etwas veröffentlichen zu können. Weiter ging es mit der Zeit, als ich 2019, nach einer längeren Schreibpause, wieder angefangen habe, Bücher zu veröffentlichen und Hörbücher auf YouTube hochzuladen. Alles war danach ausgerichtet, möglichst viele, möglichst krasse Sachen veröffentlichen zu können. Das führte immerhin zu meinem zweiten Roman, aber danach gab es auch erst einmal eine Schreibflaute, in der ich mich extrem mit Planungen nächster Veröffentlichungen aufhielt.

Diese Versuche, einfach zum Ziel zu sprinten, haben mir das Schreiben kaputtgemacht. Früher war es nicht denkbar für mich, dass es jemals keinen Spaß machen könnte zu schreiben, aber heute habe ich manchmal sogar Angst davor. Die Monate, in denen ich auf Krampf versucht habe, jedes Bisschen Kreativität aus mir herauszupressen, haben meine Beziehung zu meinem Schreiben verändert. Zum Glück schaffe ich es immer wieder, die Lust aufs Schreiben und die Leidenschaft wiederzubeleben, aber manchmal fällt es mir verdammt schwer.

Und trotzdem packt es mich auch heute noch immer wieder, und ich fange an zu planen, wieder in dieses Muster zurückzufallen. Das meine ich, wie ich es sage: Ich setzte mich hin, plane, was ich schreibe und veröffentliche, sage mir, dass das verdammt viel ist und es enorm anstrengend wird, und denke mir »Perfekt, ich freu mich drauf«. Zum Glück habe ich aber gelernt, zu erkennen, wann das passiert, und diese Phasen klingen dann immer wieder schnell ab.

Sogar der Ansatz, auf Kunst zu scheißen und einfach nur fürs Geld zu schreiben, den ich nicht besonders cool finde, ist besser als das. Denn bei diesem kapitalisiert man nur Texte, die man mit dem Gedanken entworfen hat, Geld zu verdienen. Man tut genau das mit ihnen, was man tun wollte. Wenn man das allerdings mit Texten tut, die einem wirklich etwas bedeuten, läuft man Gefahr, ihnen nicht die Zeit zu geben, die sie brauchen, um das zu werden, was sie sein sollen. Man entwertet das, was einem eigentlich so viel bedeutet hat.

Zum Ziel zu sprinten ist also auch nicht ideal. Was ist also die Lösung? Wieder zu einem Alten-Ich zurückkehren, das nur geschrieben hat, weil es so viel Spaß gemacht hat und den Traum, irgendwann nur noch das machen zu können, aufgeben? Könnte man machen. Früher, in meiner Schulzeit, habe ich keinen Gedanken daran verschwendet, ob ich Geld damit einnehmen könnte, und alles fiel mir leichter. Ich habe wochenlang am Stück jeden Tag Geschichten entworfen, habe zehnstündige Hörspielreihen geschrieben und einfach nur geliebt, was ich getan habe. Aber machen wir uns nichts vor: Ich würde trotzdem auf ewig davon träumen, irgendwann nur noch das machen zu können. Ich hätte keine Lust auf meinen Brotjob, sondern würde wieder und wieder Wege suchen, da rauszukommen und nur von meinem Schreiben zu leben.

Also ist aufgeben keine Option. Meine Lösung für all das ist genauso simpel wie unbefriedigend: Schreibe, so gut du nur kannst, aber lass dir die Zeit die es braucht. Mach weiter, bis du eines Tages, vielleicht in fünf, vielleicht in zehn Jahren davon leben kannst. Und bis dahin musst du dich über Wasser halten. Das ist zwar nicht so aufregend und romantisch wie das Mindset eines Arbeitstiers, das sich die Nächte um die Ohren schlägt, kaum schläft und zum Ziel sprintet, aber dafür hält es länger.

Der künstlerische Traum ist also: Ich möchte einfach nur gute Bücher schreiben und lieben, was ich tue.
Der wirtschaftliche Traum ist: Ich möchte irgendwann an den Punkt gelangen, dass das Schreiben ausreicht, um davon zu leben.

Jetzt ist der Traum umformuliert, aber im Grunde bleibt er derselbe. Noch immer kämpfen diese beiden Träume um die Priorität, und auch jetzt noch werde ich wieder und wieder ein Gleichgewicht zwischen beiden finden müssen. Ich würde gerne meine alte, sorglose Leidenschaft für all das zurückgewinnen. Dann könnte ich einfach schreiben, ohne mir Gedanken ums Geld zu machen, und der einzige Unterschied zu früher wäre, dass ich die fertigen Werke jetzt eben als Bücher veröffentliche.

Aber die wirtschaftliche Perspektive ist hinzugekommen, um die ich mir wieder und wieder Gedanken machen muss, und ich weiß nicht, ob es ein Zurück gibt. Wahrscheinlich ist das dieses Erwachsenwerden. Aber trotzdem will ich versuchen, zurückzufinden.

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